Veilchens Welt

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Ein Rückblick in die Vergangenheit - Tabubruch

Die Jahre bringen es mit sich, dass man dann und wann mal einen Rückblick hält, was sich im Laufe des Lebens alles verändert hat.
Viele junge Leute können sich überhaupt nicht vorstellen, wie man zu meiner Zeit die Kindheit und Jugend verbrachte.
Ich wurde katholisch erzogen. Dass ich das erwähne, hat schon seine Bedeutung. Man musste ja alles beichten ..............


Es gab keine einzige Zeitung, kein einziges Bild mit einem nackten Menschen. Alles um den menschlichen Körper herum war sündig. Darüber schwebte das grosse TABU und keiner durfte darüber reden.
Gedanken und Vorstellungen zu machen, war eine Sünde, die man beichten musste.


Mädchen wurden streng von Jungen getrennt, in der Schule und sonst überall. - Ich wurde einmal bestraft, weil ich nur mit einem Jungen gesprochen hatte. Da war ich 14 Jahre alt. - Natürlich versuchte man, dieses Verbot zu umgehen. Mein Jagdrevier war die GRUGA in Essen und der Baldeneysee, sowie die Innenstadt in Essen.
Mein recht naives Leben änderte sich dann, als ich mein Berufsleben bei der Krankenversicherung begann!


Ich hatte eine ganze Bibliothek von Büchern zur Verfügung, auch mit Bildern (!!), womit ich meine Neugierde befriedigen konnte. Meine Freundin kam abends später nach Hause. Ich holte sie vom Bus ab und beide setzten wir uns unter die Strassenlaterne auf die Mülltonnen. Dort präsentierte ich ihr meine Errungenschaften. Erstmalig erblickten wir da einen männlichen Körper und entdeckten die Unterschiede zwischen Mann und Frau und wozu eine Vereinigung führen könnte.
Wir schworen uns damals, so etwas nie zu tun! - Das waren wohl die kirchlichen Einflüsse, die uns zu dem Entschluss brachten. Nur es war ja alles Theorie.


Nicht zu vergessen:  Wer zu der Zeit ein uneheliches Kind bekam, der wurde regelrecht geächtet. Ich glaube, dass das zu der Zeit die schlimmste Sünde einer Frau war, so, wie es heute noch bei den Türken ist! - Ich erinnere mich daran, dass es in den kommenden Jahren ständig hiess, dass man ja nicht mit einem Kind ankommen sollte. Dann drohte der Rausschmiss. - Die ganze Familie kam durch eine ungewollte Schwangerschaft in Verruf! Dafür hatten die Kirchen gesorgt.


Ich habe mich nur immer gefragt, warum die solch ein Tabu darüber verhängten. Es war doch ganz natürlich!
Einmal hatte ich meine Schwester etwas nackig gesehen, was meine Neugierde weckte, denn die war 6 Jahre älter als ich. Das musste ich beichten und dazu meine neugierigen Blicke in die Bücher bei der Krankenversicherung! Fünf  "Vater-unser" musste ich dafür beten und drei "Gegrüsset seist du Maria".
Das Resultat war, dass ich nicht mehr beichten ging!


Aber dennoch war es eine komische Situation. Es gab ja das theoretische Wissen aus den Büchern. Irgendwie konnte man überhaupt nicht gross was damit anfangen. Und wenn man einen Freund mal küsste, der einen auch mal an die Brust fasste, dann fühlte man sich schon als Sünderin. - Wohlgemerkt, die Burschen waren auch noch ziemlich doof. Über Sexualität sprach ohnehin keiner. Das sollte ja erst mit der Heirat auf den Prüfstand.
Da Männer und Frauen total unterschiedlich reagieren, fühlten sich die Frauen oder die Mädchen immer in einer ängstlichen Position "Das gehört sich nicht", während die Männerwelt möglichst ihrem Drang nachgingen. - Es folgten wahnsinnig viele MUSS-Heiraten, wegen einer Schwangerschaft.
Ich weiss von sehr vielen anderen Frauen, mit denen ich später mal offen sprach, dass Sexualität lediglich eine Pflicht war. - Es wusste doch kein Geschlecht vom anderen, wie es gestrickt war. Der Mann amüsierte sich und die Frau duldete es!


Hinter allem steckte noch unsere prüde Erziehung. Man konnte sie auch während der Ehe nicht abstreifen, weil es auch zwischen Mann und Frau keine Gespräche diesbezüglich gab. - Das änderte sich dann später, als man das Eine oder Andere mal in den Zeitungen auch lesen konnte, aber irgendwie konnte das diese Generation nicht mehr umsetzen.


Hätte eine Frau zu der Zeit auch nur einmal von sich gegeben, dass sie Spass am Sexualleben hätte, wäre sie zu einer Nutte abgestempelt worden. Ja, das waren schon harte Zeiten!  Aber man wusste es ja nicht besser!


Ich will ja nicht sagen, dass ich es gut finde, wenn die Mädchen heute sehr, sehr frühe Erfahrungen machen. Doch ich meine, dass man die Heranwachsenden schon so früh darüber aufklären sollte, dass sie sich nicht aus lauter Neugierde auf ein Abenteuer einlassen. Die Mädchen sollten bis dahin schon wissen, was sie wollen und sollten nicht hinterher das Gefühl bekommen, dass sie nur benutzt wurden.
Und von dieser Prüderie, so ähnlich wie ich es erlebte, sollte man ganz ablassen. Es ist eine ganz natürliche Sache, auch seinen eigenen Körper kennenzulernen. Ein Mädchen muss auch lernen, was schön ist, was ihm gefällt. - Ich denke, dass man bei der Aufklärung diesen Bereich berücksichtigen muss. 
Dieser Teil gehört auch zu einem späteren Zusammenleben mit einem Mann. Das ist das Leben.
Jetzt will ich noch einmal auf die Unterschiede zwischen Mann und Frau kommen. Die Männer geben einem Drang nach, die Frauen sind eher gefühlsbetont beim Liebesleben! Ein Bursche, der ein Mädchen besteigen will, hat keine anderen Absichten, während das Mädchen einen Akt schon als eine Beziehung ansieht! - So unterschiedlich sind die Ansichten. - Das muss man den jungen Leuten ebenfalls so erklären.


Auf der anderen Seite möchte ich behaupten, dass das Sexualleben heute einen viel zu hohen Stellenwert erhält. - Ein gutes Verstehen und Vertrauen zum Partner ist die Basis. Stimmt das, dann klappt es auch mit dem SEX - aber nicht um jeden Preis auch umgekehrt!

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Wie funktionierte das Leben damals quasi ohne Strom?

 

Bei mir spriesst immer gleich die Fantasie, wenn uns die Oberwichtigen erzählen, dass wir Energie sparen müssen! Wer da noch nicht auf der Welt war, dem möchte ich es erklären, wie ich meine Kindheit verbrachte. -
Wir hatten in jedem Raum eine 15 - Watt - Glühbirne, die allerdings nicht ständig in Betrieb war, nur in Augenblicken, wo Not an Mann war. Ich weiss nicht, wieviel man damals für einen Kilowattverbrauch zahlte. Man sparte jedenfalls damit. Also, 1 KW - Kilowatt - hat 1.000 Watt. Eine Glühbirne hätte praktisch über 66 Std. brennen dürfen, um einen Kilowatt zu verbrauchen! - Das war so gut wie nichts! Andere elektrische Geräte, ausser einem Radio, hatten wir zu der Zeit nicht. Das Radio wurde evtl. mal sonntags angestellt und nur für bestimmte Sendungen. Läufer und Teppiche wurden 1 x in der Woche draussen ausgeschlagen. Wer etwas schmutzig machte, bekam erst einmal von der Hausfrau eine Ohrfeige. - Das Gleiche galt auch für das Beschmutzen der Kleidung. Ich trug oft solche weissen, selbstgestrickten Baumwoll - Kniestrümpfe mit 2 Bömmelchen an jeder Seite, mit feinem Lochmuster versehen. Und wehe, man trat mal in eine Wasserpfütze. Dann drohten schon Sanktionen, weil Mutter ja nur alle 4 Wochen einmal Wäschetag hatte. Natürlich gab es keine elektrische Waschmaschine, aber wir hatten schon einen Wassermotor zum Waschen! Aber ich will mal kurz erklären, wie solch ein Wäschetag funktionierte. - Sonntags wurde die Wäsche in einem grossen Bottich eingeweicht. In der Nacht zum Montag, so 3 Uhr in der Früh, zündete Vater den Ofen an, um die Wäsche zum Kochen zu bringen. Während dann die ganze Waschküche voller Nebel war, holte meine Mutter die Kochwäsche mit einem Holzprügel aus dem Bottich und steckte die Teile in diese Waschmaschine! Es kam noch Wasser hinein, der Deckel wurde geschlossen und dann wurde der Wasserhahn weit aufgedreht! Das geschah mittels eines Schlauches vom Wasserhahn zu diesem Motor der Maschine. Durch den Wasserdruck wurde das Drehkreuz in dieser Maschine hin und her geschlagen, die Wäsche bewegt, so etwa eine halbe Stunde, je nach Wäscheart. - War dieser Akt beendet, kam die Wäsche in einen Wringer. Das Teil wurde zwischen 2 Walzen eingefügt und durch ständiges Drehen eines Griffes wurde das Wasser herausgepresst. Das musste ja noch für die nächste Wäsche verwendet werden. Danach kam die Wäsche in einen grossen Betonbottich, wo sie unter Hinzunahme von viel Wasser immer wieder neu gespült wurde, bis alle Seifenrückstände heraus waren! - Und die Sachen, die nicht richtig weiss waren, die noch Flecken aufwiesen, die kamen auf die Bleiche, ein Wäscheplatz, der aus Wiese bestand. Dort legten wir die Teile einzeln hin, wendeten sie später immer wieder und begossen sie gleichzeitig wieder erneut mit Wasser, falls sie trocken geworden waren! - War diese Zeremonie vorüber, die andere Wäsche, die nicht gekocht wurde, auch sauber und gespült, dann holten wir die Wäsche von der Bleiche. Sie wurde erneut gespült und gespült und gelangte dann wieder in den Wringer, wonach die Wäsche dann endgültig auf die Leine kam zum Trocknen! Das Bleichen von der Sonne brachte wirklich was und so mancher Fleck verschwand auch!
Fleckenmittel gab es ja noch nicht und ob die Waschmittel mit den heutigen vergleichbar waren, entzieht sich meiner Kenntnis. - Ich vergass jetzt noch das Erwähnen von Wäscheteilen, die gestärkt wurden. Das war die Tisch- und die Bettwäsche, so wie die vielen niedlichen Zierdeckchen, die die Mütter meist selber gefertigt hatten.
Nicht zu vergessen, die Pflege der Gardinen, die ebenfalls aus einem Baumwollmaterial waren. Die konnten nicht nach dem Trocken und Bügel vor ein Fenster gehängt werden. - Meine Mutter spannte die Gardinen immer, wie auch die kleinen Deckchen. Sie kamen auf eine Wolldecke und mittels Stecknadeln spannte man die feuchten und gestärkten Teile, so dass die Spitzen dann gleichmässig gestreckt wurden!
War diese Wäsche dann irgendwann trocken, musste sie gebügelt werden. Pflegeleichte Wäschestücke gab es noch nicht. Ich glaube, dass alles aus Baumwolle oder Leinen bestand. Aber bevor es ans Bügeln ging, musste die Wäsche zuvor passend eingefeuchtet, mit Wasser bespritzt und eingerollt werden, damit sich die Feuchtigkeit überall gleichmässig verteilte.
Auch das Bügeleisen gab es nicht elektrisch. Grosse Teile kamen in die Mangel, wie die Bettwäsche oder Tischtücher. Jedes andere Teil wurde handgebügelt, auch Unterwäsche und jedes Taschentuch, was benötigt wurde. Unsere Mütter gingen da sehr sorgfältig mit ihrer Wäsche um und der Stolz jeder Hausfrau war auch das Stapeln von Wäsche im Schrank.
Der Ofen wurde zu dem Zweck angeheizt, auch im Sommer. Zwei schwere Eisen wurden darauf erhitzt, mit denen man im Wechsel bügelte. Dazu gab es einen Holzgriff für das Eisen, was man vor dem Benutzen einfügen konnte. Dieses wurde so gehandhabt, damit der Holzgriff von der Ofenhitze nicht beschädigt wurde! - Und es war ein ständiges Ausbalancieren, damit man nicht die Wäsche versengte. Man hatte ein altes und feuchtes Tuch zum Ausprobieren neben sich liegen. Es waren halt Erfahrungswerte, ob man es jetzt riskieren konnte, mit dem Bügeln zu beginnen. War das Eisen zu heiss, hatte man ratzfatz eine braune Stelle auf dem Wäschestück und es war verdorben. War es nicht heiss genug, wurde das Teil nicht glatt! Es gab ja nicht viel Ersatz im Haushalt.
Ich weiss jedenfalls, dass wir innerhalb von 4 Wochen, wenn wir mal wieder für 3 Tage Wäschewoche hatten, nichts mehr zum Wechseln besassen. Da war alles im Gebrauch und wir schliefen oft genug ohne Bett- und Kopfkissenbezüge, wenn im Winter die Wäsche nicht trocknen wollte!

Allerdings war das schon jede Menge Komfort, den wir hatten. - Eine Waschmaschine mit Wassermotor und einem Wringer, den die Bergwerksgesellschaft jedem Mieter zur Verfügung stellte. - Selbstverständlich gab es auch noch das Waschbrett, worauf man z. B. bunte Wäsche, wie auch Vaters Arbeitsklamotten nachrubbeln musste. - Zu der Zeit wuschen sehr viele Leute ihre Wäsche noch in den Flüssen. Es führten immer einige Stufen zu dem Gewässer, wo die Frauen ihre Arbeit verrichteten. Nun, die hatten aber bestimmt keine 3 Tage Wäschewoche innerhalb von vier Wochen. Diese Mengen hätten die wohl schlecht auf einmal tragen können.
Welche Gewichte das alleine waren, wenn wir die Wäsche von der Waschküche im Keller, bis oben auf den Trockenboden im Winter tragen mussten! Im Sommer ging es dann nach draussen. Ständig sass man auf der Lauer, damit es nicht regnete, bzw die trockenen Teile schnell abnehmen konnte!

Heute wird bei jeder Kleinigkeit von Stress geredet.

 

 


 

Wie wenige Sekunden im Leben eine Rolle spielen .......................


Hätte ich daheim noch einen Schluck Kaffee zu mir genommen, dann wäre ich nicht mit dem Besoffenen zusammen getroffen, der mir die Vorfahrt nahm ................!

Das gehört jetzt in die Kategorie "WENN und ABER". - Nicht aber folgende Geschichte, die sich tatsächlich so abgespielt hat, wie ich es hier darstelle, die mir mein Vater wieder und wieder erzählt hat, die später auch von anderen Personen bestätigt wurde. - Nicht, dass ich ihm misstraut hätte. Aber die Leser dieser Geschichte wissen garantiert, wie fälschlich die Dinge aus dieser Zeit oft dargestellt werden! - Ich kenne eine Menge alter Herren, die die Zeiten des 2. Weltkrieges verherrlichten, obwohl sie als Soldaten im Einsatz waren und die scheusslichsten Dinge erleben mussten. Den Hunger und die Nöte haben wohl viele vergessen. Ein Verwandter von mir, er ist inzwischen schon tot, erzählte mit glänzenden Augen, wie schön es auf dem U-Boot war, auf dem er diente und zu Weihnachten bekam er sogar ein Stück von einer Gans. Er hatte die Jahre wohl vergessen, wo er innerhalb kürzester Zeit alle Zähne verlor, weil er an Skorbut litt. - Skorbut tritt u. a. als Zeichen einer Mangelernährung, vor allen Dingen bei fehlendem Vitamin C auf.

Ich interessierte mich schon immer für politische Vorgänge und fand in meinem Vater immer einen Ansprechpartner. Es kam dazu, dass ich schon als junges Mädchen fragte, wie Hitler denn solch eine Macht über das Volk bekommen konnte? Wieso man zuliess, dass so viele Juden umgebracht wurden? - Es war mir unverständlich! In der Schule schwieg man die Zeit nämlich tot.

Mein Vater begann mit der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, der danach folgenden Weltwirtschaftskrise, den hohen Arbeitslosenzahlen. Es folgten Jahre voller Entbehrungen.
Auf einmal stand da ein "starker Mann", der vorgab, der Not ein Ende zu setzen. - So kam Hitler an die Macht!! -
Die vielen Arbeitslosen erhielten Arbeit, wurden überall eingesetzt. So wurde das Volk anfangs getäuscht. - Es schien aufwärts zu gehen. Keiner ahnte, zu welchem Zweck das alles geschah. -


Meine Mutter war damals Hausschneiderin in Essen. Gut betuchte Leute holten sich für einige Zeit eine Schneiderin ins Haus, die ihnen die Wäschestücke reparierte und auch neue Kleidung fertigte. - Mutter nähte sehr viel für Juden und sie erwähnte, dass die Leute immer gut zu ihr waren. - Man benachrichtigte meine Mutter von Zeit zu Zeit, wenn man ihre Hilfe brauchte. - Nun, es fiel auf, dass man ihre die Dienste wohl nicht mehr benötigte.
Meine Eltern machten sich auf den Weg, um der Sache mal nachzugehen und sie stellten fest, dass es diese und jene Familien einfach nicht mehr gab. Ein paar konnten ja verzogen sein, aber doch nicht so viele. Aber wie konnte man diesbezüglich nachforschen, in einer so grossen Stadt wie Essen? -
Bei einer der Gelegenheiten, Kundschaft meiner Mutter aufzuspüren, trafen meine Eltern auf ein jüdisches Ehepaar, für die meine Mutter mal gearbeitet hatte. - Sie erfuhren ganz kurz grauenvolle Dinge, die sie kaum glauben konnten, spürten aber die Gefahr, in der sie sich befanden! -


Die jüdischen Bürger sollen abgeholt worden sein und wer mit Juden Kontakte pflegte, würde standrechtlich erschossen! - Es wurde gemunkelt, dass sich diese Menschen in Konzentrationslagern befänden! Sie trugen inzwischen alle einen gelben Stern!
Ich erfuhr diese Sachen nicht nur von meinen Eltern, auch von anderen Zeitzeugen, die ich befragte. - Inzwischen war etwas angeordnet worden, was die Menschen zu spät begriffen! - In jedem Haus sass ein Spitzel, der meist die Hausmeisterrolle übernahm. Er notierte jeden Besucher, der zu einem Mieter des Hauses ging. Selbstverständlich wurde auch nachgeforscht, wer die Person war, wie oft und warum das geschah. - Es reichte schon aus, wenn sich einer auffällig benahm und dem Hausmeister eine Nase nicht passte. - Ratzfatz stand die Gestapo vor der Tür, die alles heraus bekam, mit allen erdenklichen Mitteln, mehr als sich überhaupt zugetragen hatte. Nach und nach verschwanden die Leute, die Nachbarn oder Bekannte! - Keiner wusste Genaues! Es machte sich Angst breit, dass keiner dem anderen mehr traute! - Jeder konnte ja der nächste sein, der abgeholt wurde. - Zu erwähnen wäre noch, dass es ausser dem "Hauswart" auch noch einen übergeordneten Spitzel, den "Strassenwart" gab. - Selbstverständlich waren diese Spitzel Angehörige der Partei - NSDAP - Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei -

Mein Vater wurde nach dem 1. Weltkrieg in eine Lehre als Schlosser gesteckt, ohne nach einer Eignung für den Beruf gefragt zu werden. Er musste dort für Kost und Logie arbeiten, 7 Tage in der Woche und tägl. so lange, wie Arbeit vorhanden war. Das war zu einer Zeit, wo der Lehrherr auch noch Prügel verabreichte, wenn der Lehrling nicht spurtete. Oft genug bekam die auszubildene Person auch noch die Schuld für Dinge, die die Familienmitglieder begangen hatten, ohne sich wehren zu können. - Der Chef konnte, wann auch immer, über den Lehrling verfügen, mit Ausnahme des sonntäglichen Kirchenbesuches! - Der war Pflicht!
Früher erledigten die Schlossereien auch noch das Pferdebeschlagen und viele andere Arbeiten. - Der Schlosser war wohl so ein Überbegriff, für alles, was vorkam! -

Nun aber wieder zur Hitlerzeit! - 1936 nahm mein Vater eine Stelle als Schlosser, bei einer Zeche in Essen an, allerdings nicht in der Grube, sondern über Tage! - Das brachte enorme Vorteile. Meine Eltern, die heiraten wollten, erhielten von der Bergwerksgesellschaft eine sehr schöne Wohnung, für damalige Zeiten schon mit Bad!
Ausserdem erhielten die Beschäftigten günstige Kohle und jeden Tag belegte Brote für die Tätigkeit! - Wo gab es das sonst schon?
Bevor meine Eltern verheiratet wurden, mussten sie natürlich ihre arische Abstammung und ihre Schulzeugnisse nachweisen. - Soweit mir bekannt ist, wurden Leute nicht verheiratet, von denen einer jüdischer Abstammung war! - Es war so weit gekommen, dass man lieber alle zweifelhaften Personen grundlos wegsperrte, als dass es auch nur einigen gelingen könnte, durch das engmaschige Netz des Regimes durchzuschlüpfen! - Auch Personen, die geistige Ausfälle hatten, die vielleicht als "nicht normal" galten, die behindert waren, wurden "abgeholt". Man sah sie nicht mehr wieder! -
Mir wurde später von meinen Eltern einer vorgeführt, der auf einem Friedhof arbeitete, der in eine Gaskammer geschickt und von einem Arzt wieder herausgeholt wurde! - Man hatte ihn jahrelang versteckt, bis der Krieg beendet war, damit er nicht auch noch umgebracht wurde! - Die Bombenangriffe und sehr viel Leid hatten ihn gezeichnet. Als Gärtner auf dem Friedhof fühlte er sich später scheinbar wohl. Er hinterliess einen freundlichen aber sehr naiven Eindruck. - Vermutlich hat er alles verdrängt, was ihn mal belastete.


Ich beschreibe das hier absichtlich, damit die Leser erkennen, in welcher Situation die Bürger schwebten und welche Angst sie tagtäglich ausstehen mussten! - In vielen Abendkursen erlernte mein Vater den Beruf des Kaufmannes und des Technischen Zeichners! Ich habe diese Zeugnisse noch später bewundern können! - Man muss es sich vorstellen:  Tagsüber war er Schlosser und abends ging er jahrelang zur Schule! - Jeder war ja zu der Zeit froh, überhaupt eine Tätigkeit zu haben! - Allerdings ahnte mein Vater in den Jahren seines Lernens nicht, wie wichtig diese Ausbildung einmal für ihn sein würde! - Sie zahlte sich aus!

Vater hatte in der Schmiede, in der er früher tätig war, ein glühendes Stück Eisen ins Auge bekommen und war dadurch auf einem Auge blind. - Da er dazu noch auf der Zeche tätig war, wurde er als Soldat nicht eingezogen, als Hitler am 1. September 1939 den Krieg erklärte!! -
Im Laufe der kommenden Jahre wurde mein Vater von vielen Personen aufgesucht, die ihn in die Partei aufnehmen wollten. Er lehnte immer ab! - Ich weiss jetzt nicht, ob es 1941 oder 1942 war, als ein ehemaliger Schulkollege meines Vaters ihn energisch drängte, doch in die NSDAP einzutreten. - Er war durch die vielen Bedrängungen schon genervt und hatte den Durchblick insoweit, dass das, was da geschah, niemals gutgehen würde! - Er hatte den Mut und sagte zu seinem früheren Schulkollegen, von dem er noch glaubte, dass das keine Folgen für ihn haben würde: "Leckt mich mit Eurer Partei am Arsch!"

Am nächsten Tag hatte mein Vater einen Stellungsbefehl, worauf er sich sofort in Danzig am Hafen, da und dort zu melden hatte. - Nun wurde es ernst. Ihr wisst ja, dass es kein Telefon gab, wo man sich zuvor von allen Personen verabschieden konnte. - Jeder ahnte, dass das ein Himmelfahrtskommando war, keiner sprach es aus!
Vater verabschiedete sich von meiner Mutter und von meiner Schwester, die vielleicht 4 oder 5 Jahre alt war und hoffte, sie noch einmal wieder zu sehen!
Irgendwann kam er in Danzig an. Er schilderte immer wieder diese riesigen Menschenmassen am Hafen, die wohl das Land mit einem Schiff verlassen wollten. Als er inmitten von Hundertausend Menschen zu seinem Meldeziel wollte, traf er einen Bekannten, den er von seinen Abendschulen her kannte, in Uniform! (welch ein Wunder!)
"Was machst Du denn hier?" - Ja, mein Vater zeigte ihm seinen Stellungsbefehl. Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch und meinte: "Warte mal hier. Ich werde sehen, was ich für Dich tun kann!" - Viel Hoffnung blieb meinem Vater nicht, er ahnte, was auf ihn zukam. - Aber nach einer Weile kam sein Retter zurück und meinte, er bekäme einen neuen Stellungsbefehl, zu einer Kaserne in Hamm, wo er die Materialausgabe übernehmen müsse! Den anderen Einsatzbefehl - der übrigens ein Himmelfahrtskommando war - hätte er rückgängig gemacht! - Später wurde festgestellt, dass wirklich keiner von dort zurück kam! -
Ich brauche wohl nicht beschreiben, wie mein Vater das jetzt aufnahm! - Die kommenden Jahre verbrachte er in Hamm. - Als die SS-Angehörigen auch noch die letzten Stücke des Lagers für sich anforderten und nervös absetzten, meinte mein Vater, dass es auch für ihn nun Zeit sei, zu verschwinden! - Er wollte nicht in eine Gefangenschaft geraten, denn er hatte sich nichts vorzuwerfen! Er war noch völlig alleine in der Kaserne, bis dahin, vielleicht Januar 1945! Danach kam er zu uns, wo wir evakuiert waren! - Jeder wurde sofort erschossen, der desertierte. Die SS fahndete noch überall, bevor sie sich selber absetzten, weil die Russen schon ziemlich nah waren. - Vater erzählte, dass überall Menschen an den Bäumen aufgehängt wurden, die keinen Sinn mehr darin sahen, den übermächtigen Feind aufhalten zu können! Die Panzerketten hörte man schon rasseln! -

Die Geschichte ist allerdings noch nicht zu Ende! - Der Krieg war beendet, überall fahndete man nach Nazis. Viele wurden verurteilt!
Mein Vater arbeitete inzwischen als Schlosser, baute grosse Turbinen. - 1949 stürzte er von einem Gerüst und erlitt so schlimme Knochenbrüche, die ihn für seinen Beruf untauglich machten. Er brauchte 1 1/2 Jahre, bis er wieder laufen konnte. - Was sollte er beruflich machen? - Er wäre allenfalls noch für einen Pförtnerposten tauglich gewesen! - Allerdings vergab man zu der Zeit kaum Stellen. Es lag ja alles noch in Schutt und Asche und fast alle Stellen waren mit Schwerbeschädigten aus dem Kriege besetzt, von denen es ja genug gab! -
Vater versuchte sein Glück und ging in Essen zum Arbeitsamt, mit all seinen Zeugnissen! - Es war damals schlimm, wie die Beamten mit den Arbeitslosen herum sprangen! - Das war noch so, als ich später mit dieser Behörde zu tun hatte. - Jedenfalls sass Vater vor einer Tür, dessen Namensschild ihm wohl was sagte. "Aber davon gibt es in Essen wohl mehrere", dachte er bei sich! - Die Tür ging auf - Vater ging hinein und beide waren einen Moment sprachlos!
Das war der ehemalige Schulkollege, der ihn zu diesem Himmelfahrtskommando geschickt hatte! - Vater reagierte mit Zurückhaltung, während sein Gegenüber in eine übernatürliche Freundlichkeit verfiel! (hatte Angst) - Zu der Zeit landeten ja noch viele vor Gericht, wegen der Kriegsverbrechen! -

War das nicht genau so ein Zufall, den wieder zu treffen, wie das Ereignis in Danzig, wo eine Person meinem Vater das Leben rettete? - In der riesengrossen Stadt Essen, lenkte der Zufall sein Schicksal!
Vater übernahm das Wort, legte seine Zeugnisse vor, erwähnte seinen Arbeitsunfall und die Folgen. - Der überraschte Beamte (zu der Zeit waren diese Posten nur mit Beamten besetzt) bat um Geduld, er käme gleich wieder und verschwand irgendwo hin, mit all den Unterlagen! - Nach 10 Minuten kam er wieder und erklärte, dass er für meinen Vater eine Tätigkeit auf dem Büro bei einer grossen Firma klargemacht hätte. Er könne morgen dort anfangen! - So hatte sich der ehemalige Schulkollege als Wiedergutmachung für ihn eingesetzt. - Das muss man sich mal vorstellen, welche Zufälle das Leben bietet. - In dem Job blieb Vater dann bis zu seiner Pensionierung! - Er versuchte allerdings, sich den Typen beim Arbeitsamt noch einmal vorzunehmen, als die totale Überraschung abgeklungen war! - Das müsste 1951 gewesen sein. Es gab den Schulkollegen dort aber nicht mehr! - Entweder hat man ihn wegen noch anderer Delikte eingesackt, denn diese Typen haben nicht nur einmal so gehandelt oder er bekam durch das überraschende Zusammentreffen mit meinem Vater Angst und verschwand ins Ausland!
Allerdings muss er auch im Amt noch höhere Seinesgleichen gehabt haben, sonst hätte es mit dem Job bei der grossen Firma nicht so schnell geklappt und das zu der Zeit!!

Nun kamen auch noch die lehrreichen Jahre der Abendschulen zum Einsatz, die schon vergessen schienen! - Vater versuchte auch später noch, etwas über seinen damaligen Lebensretter zu erfahren. Er war ja einer der Dozenten gewesen, der an der Abendschule unterrichtet hatte. - Man darf allerdings nicht vergessen, dass er in der Schule wohl ok war, beim Militär aber schon einen höheren Rang besass. - Den erhielt keiner, der nicht ein ganz Getreuer des Regimes war! - Vielleicht hatten ihn die Alliierten einsackt und bestraft, er war im Krieg ums Leben gekommen oder er hatte sich ins Ausland abgesetzt!

Sind das nicht bemerkenswerte Zufälle, die sich wie eine erfundene Geschichte anhören. - So spielt das Leben! - Mein Vater war immer gegen Gewalt und Krieg, hat sich niemals daran beteiligt. - Selbst als er uns, meiner Mutter, Schwester und mir zur Flucht verhalf, bevor die Russen in Sachsen-Anhalt einmarschierten, wo wir evakuiert waren, vertraute er auf eines: " Ich habe keinen im Krieg umgebracht und habe keinem was getan. Mir wird auch nichts geschehen!" -
So flüchteten wir durch den Hartz, (noch war Krieg) weil wir ja noch unsere Wohnung in Essen hatten. - Ich war noch keine zwei Jahre alt, sass bei Vater im Nacken, meine Schwester war sechs Jahre alt, als wir nachts von einem russischen Posten angehalten wurden! - Bedenkt, mein Vater hätte Soldat sein können, ein Feind der Russen. Die handelten meistens sehr entschlossen! - Der Russe schaute auf mich, streichelte meine blonden Löckchen und dachte vermutlich in dem Augenblick an seine Familie. - Er forderte uns auf, schnell und leise zu verschwinden. - Ich weiss das natürlich nur von den Erzählungen. Meine Schwester hat das mit ihren sechs Jahren allerdings behalten, wie viele andere unangenehme Dinge auch! - Sie zog sich oft nachts an, weil sie wohl von einem Bombenangriff geträumt hatte. - Ich hatte als Kind immer Angst vor lauten Geräuschen, vermutlich auch als eine Folge von vielen Bombenangriffen.
Essen wurde auch sehr stark bombardiert, weil es dort Krupp gab, die ja Waffen und Munition, sowie Lokomotiven herstellten. - Eine sehr schlimme Zeit, die viel Leid erzeugte, egal, wer es war.

 


 

 

Wie war das denn damals in der Schule ................. ?

Mit zwei Jahren, 1945, kam ich zu Tante und Onkel aufs Land, weil es dort kaum Essensnöte gab. Tante meinte immer, die Städter seien alle zu mager. Sie hatte selber keine Kinder und fütterte mich immer mit guten Produkten des Landlebens. - Von wegen "heute frische Magermilch", wie der Milchbauer in Essen unter lautem Gebimmele auf der Strasse rief. Mit Pferd und Wagen kam er zu den grossen Wohnsiedlungen, um seine Milch anzupreisen!
Die Leute kamen mit ihren Milchkannen angelaufen, worin der Händler dann mit einem Becher die Milchmenge abfüllte und in die Kanne gab! - Diese Version kenne ich aber nur von den Besuchen, die ich in Essen machte.


Anders geschah es mir, bei Tante und Onkel. - Direkt nach dem Melken ging mal in den Kuhstall und füllte sich seine Ration ab, ohne dass sie vorbehandelt wurde! Kam ich nach Essen, "meckerte" ich wegen der Wassermilch. Ich wollte sie nicht. - Mutter meinte, ich sei zu verwöhnt!! - Na ja!!


1949 kam und ich musste nach Essen zurück, weil ich schulpflichtig wurde! - Ich erinnere mich noch genau an den Tag - weil der ja wirklich etwas Besonderes war. Es gab eine Schultüte. Wenn sie auch gross war, der untere Teil war mit Papier ausgestopft. Woher sollten die Eltern auch gross was haben?

Ja, Vater arbeitete schon, aber zu der Zeit war ja soviel aufzufrischen, dass es für relativ teure Süssigkeiten nicht im Übermass reichte. Es war aber was drin und nur das war wichtig! Man sprach nicht einmal über den Inhalt, nur voller Stolz über die Tüte.
Ach je, das Bild zeigt noch 2 Kinder, die Läuse hatten, deren Haare man abschnitt und die immer eine Mütze auf dem Kopf trugen. Sie waren gebrandmarkt. Die Eltern liessen uns auch nicht mit diesen Kindern spielen. Wir wurden stets gewarnt. Eines dieser Mädchen hiess bis zur Schulentlassung nur "Glatze".
Ich trug auf dem Foto des 1. Schultages hohe Schnürschuhe. - Jahrelang hatte Vater für uns Kinder aus alten Autoreifen, mit Nieten versehen, Sandalen selber gemacht. Und dann sollte ich doch endlich mal vernünftige Schuhe haben! - Dazu weisse Kniestrümpfe, mit seitlichen Bömmelchen. Mädchen mussten zu der Zeit meistens eine Schürze tragen! Die schonte das Kleid. - Die Haare waren zu zünftigen Zöpfen gebunden!


Die Schule war ein sehr altes Gebäude, welches wir uns mit den evangelischen Kindern teilen mussten. Die kath. Schule war noch nicht wieder hergestellt, nachdem sie von einer Bombe beschädigt wurde. - Es ging immer im Wechsel. Mal mussten die Katholiken vormittags in die Schule, die Protestanten dann ab mittags und umgekehrt!
Natürlich wurden von Beginn an die Feindschaften zwischen den Konfessionen gepflegt!! Es ergab sich schon durch das Aufteilen der Kinder, obwohl wir daheim mit ihnen spielten, sofern sie bei uns in der Nähe wohnten!

Das sehr grosse Klassenzimmer bestand aus alten Pulten, die noch Tintenfässer beinhalteten. Dazu gab es Rillen, wo wir unsere Griffel ablegen konnten. Mehr brauchte man im ersten Schuljahr nicht. - Jeder bekam noch eine Fibel und ein Rechenbuch, was wir sorgsam behandeln mussten, weil es an die nächsten Schüler weitergegeben wurde. - Der Lehrer lief immer mit einem Zeichenstock in der Hand umher und wer auch immer unaufmerksam war, bekam ihn zu spüren!
Beinahe hätte ich vergessen, dass jeden Tag die Hände und die Fingernägel kontrolliert wurden. Wenn die nicht ordentlich waren, haute der Lehrer auf die Finger!
Quatschen, Widerworte geben, unaufmerksam sein und der Stock kam ins Geschehen!
Ich hatte ja keine Probleme in der Schule, weil ich schon komplett lesen konnte, als ich eingeschult wurde. Natürlich habe ich auch alles nachgeschrieben, was von meiner Schwester stammte, die ja 6 Jahre älter als ich war. - Aber die hatte teilweise arge Probleme, weil die 1943 ins erste Schuljahr kam, dann waren wir zwei Jahre evakuiert und 1945 kam sie gleich ins dritte Schuljahr! Sie musste viel aufholen und üben, weshalb ich da vermutlich von profitierte.
Mir fiel noch ein, dass wir immer einen "Henkelmann" mitbringen mussten. Darin wurde in der Pause so ein salziger Kakao oder eine komische Milch-Nudelsuppe ausgeteilt. - Von Zeit zu Zeit mussten wir auch Lebertran schlucken! - Das war mein erstes Schuljahr!
Vater hatte inzwischen seinen Unfall und lag im Krankenhaus, mit seinen gebrochenen Knochen. Ich weiss noch, dass zehn Patienten in einem Raum lagen und es vor dem Krankenhaus eine Armenspeisung gab! Da standen Leute mit ihren Henkelmännern, um sich eine Armensuppe abzuholen!


Übrigens mussten wir zum Krankenhaus eine Stunde laufen, um Vater zu besuchen. Es gab keine Busverbindung nach dort. Hätten wir uns auch vermutlich nicht leisten können. - Es wurde finanziell wieder ziemlich eng, mit 37,50 DM in der Woche. Die Summe habe ich mir sehr gut gemerkt, weil ich mir später nicht vorstellen konnte, wie davon 4 Personen leben und noch die Miete davon bezahlt werden sollte!


Ich musste wieder zu Tante und Onkel und ging dort auch zur Schule. Eigentlich wollte ich auch dort nicht weg. Das betrachtete ich als mein richtiges Zuhause. Hier blieb ich fast bis zum 11. Lebensjahr. - Dann musste ich wieder nach Essen, weil ich angeblich auf dem Lande nicht so viel lernte! -
Für meine Kommunionfeier musste ich zuvor auch in Essen antreten, wie auch in meinen Ferien, immer hin und her! -
Für die Jahre ab dem 2. Schuljahr, bei Tante und Onkel, habe ich überhaupt nicht viel in Erinnerung, ausser, dass es sehr schöne Jahre waren. Ich hatte einen sehr weiten Schulweg, durch die freie Natur, war immer alleine unterwegs, hatte keine Schulkameraden, weil Tante und Onkel ganz einsam an einem Stausee wohnten. Weit und breit war nichts! Ich habe allerdings auch nie etwas vermisst. Es gab so tolle Dinge, mit denen ich mich beschäftigen konnte, ohne jetzt weiter auf dieses Thema einzugehen.


Ich musste dann endgültig wieder nach Essen zurück. - Natürlich kannte ich viele Kinder, von meinen Besuchen und den Ferien her, aber so eine echte Freundschaft entwickelte sich zu keiner Schulkollegin! - War doch klar. Immer, wenn es meinen Eltern schlecht ging, musste ich weg! -


Nun wieder zur Schule. Ich hatte keine Probleme, war jedoch ständig unterfordert im Unterricht! - Der Rektor unterrichtete mich, spielte auch noch mit meinem Vater gemeinsam Schach, in einem Verein! Er kam auch oft zu uns und spielte die eine oder andere Partie mit meinem Vater. - Ja, ich lauschte oft, was der wohl meinem Vater alles erzählte. - Er drängte ihn auf einen Schulwechsel, sollte mich in einem Gymnasium unterbringen. - Ich langweilte mich in der Schule! - Nein - Vater wollte nicht, weil man ja auch die Bücher dafür bezahlen müsste.

"Und Mädchen heiraten ja sowieso, die brauchen keine Bildung!" - Das war noch das alte Klischee. Der Ehemann hatte ja für den Unterhalt der Familie zu sorgen und gebildete Frauen waren zu der Zeit noch gar nicht willkommen! - Die sollten Kinder bekommen und ihren Mann zufrieden stellen. - So dachte man damals, nicht nur mein Vater! -

Davon ab, ging nur ein Junge von unserer Schule auf ein Gymnasium. Alle anderen blieben auf dieser Schule, die übrigens inzwischen fertig gestellt war! -
Mit 12 Jahren war ich 1,72 m gross, war grösser, als der schmächtige Lehrer und grösser, als die Jungen meiner Klasse! - Übrigens durfte man mit Jungen damals nicht mal reden! - "Das schickt sich nicht", war die ständige Erklärung für alles! -

Ich war im Unterricht unterfordert, erhielt immer extra Aufgaben bei allen Klassenarbeiten, die die Schüler von Gymnasien bekamen! - Ja, ich langweilte mich und begann, Unsinn und Streiche auszuhecken.


Vorrangig ärgerte ich eine hässliche Handarbeits-, Koch-  und Turnlehrerin. Alle Jubeljahre hatten wir einmal Sport. Aber immer, wenn es ans Sportfest ging, sollten wir Leistungen bringen, damit die Lehrer sich schmücken konnten! - Insgeheim spekulierte ich auch darauf, dass mir der Rektor alles ausbügelte, weil er ja mit Vater Schach spielte. -

Ich tat, was ich konnte, um diese komische Lehrerin zu ärgern! - Diese Frau forderte mich ständig heraus! Natürlich verprügelte sie mich immer. Dieser kleine Zwerg konnte mir nicht mal weh tun. - Ich befand mich wohl mitten in der Pupertät, in der Zeit, wo alle Erwachsenen blöde sind! - Über so etwas sprach früher kein Mensch. Man hatte einfach zu funktionieren.
Zum Kochen mussten wir immer in eine andere Schule gehen. - Zuvor bekamen wir immer eine Mitteilung, was wir mitzubringen hätten. - Also, Christel = 3 Eier und 25 Pfennig, Maria 1 Fl. Öl, Josefine 1 kg Mehl und 15 Pfennig usw. - Von den zusammengetragenen Geld wurde Fleisch gekauft, usw. - Das Kuriosum war, dass wir das, was wir kochten, nicht essen durften. - Das nahm die alte Schrulle mit ins Lehrerkollegium. Sie wärmten es sich dort auf! Wir hätten auch mal gerne ein Stückchen Fleisch zu essen bekommen. - Ich schwor Rache!


In der Adventszeit sollten wir zuerst Stutenmänner für die Lehrer backen, später Plätzchen, wovon wir nichts zum Probieren bekamen.  - Das wollte ich ihr versalzen!
Ich wusste ja um die Hefe und wie man damit umgehen musste. Wir hatten sie daheim selber gezüchtet. Ein Glas Wasser mit Hefe und etwas Zucker an einen warmen Ort stellen und die Hefekulturen vermehren sich sehr schnell. Unten sass dann immer die Hefe, die wir zum Backen benötigten. - Hitze liess die Hefezellen sofort abtöten.


Also, wir erstellten in der Kochschule vorschriftsmässig den Hefeteig. Sie gab dazu auch noch den Takt an, wie wir ihn zu kneten hätten. Er kam in den Backofen, auf 30 Grad, zum "Gehen". Dann kam er wieder heraus, wurde wieder geknetet und geschlagen. Dann formten wir einen kleinen Ball für den Kopf, einen etwas grösseren für den Leib und Beine und Arme, wie kleine Würste. Den Kopf und den Leib drückten wir platt. Und wieder kamen die Bleche in den Ofen, wiederum auf 30 Grad zum Gehen. Zwischendurch sollten wir dann Fenster putzen oder sonst was machen.Wir hatten unsere Anweisungen.

Keiner bemerkte mich, als ich hinging und alle Öfen auf 250° stellte. - Die Stutenmänner waren anschliessend nicht mehr zu gebrauchen, waren steinhart! - Die konnte sie den Lehrern nicht mehr präsentieren!


In der kommenden Woche mussten wir den Hefeteig erneut "üben". Ich war nicht aufgefallen und keiner hatte es gemacht! -
Sie bewachte unser Tun mit Argusaugen und ging mit einem Tamborin zwischen uns 25 Schülerinnen auf und ab, kopfte den Takt "und Schwung und weg". Also, wir sollten den Klumpen Teig anheben und mit einem Schwung wieder auf den Tisch bringen! - Ich tat das auch, war allerdings recht übermütig dabei. Immer, wenn sie etwas weiter weg war, warf ich meinen Teig in die Höhe und fing ihn wieder auf. -

Auf einmal passierte es. Mein Teig hing unter der Decke und kam nicht mehr herunter. - Ich guckte dumm aus der Wäsche und meine Schulkolleginnen kicherten. Die Hexe kam, um zu schauen, was sich da tat. -
In dem Augenblick hatte sich mein Teigklumpen von der Decke gelöst und knallte mit voller Wucht auf den Tisch!
- Ich bekam Prügel von ihr und ersann erneute Rache. - Allerdings wollte sie das Verhalten dem Rektor melden und meine Betragenzensur sollte sich nachteilig im Zeugnis auswirken!
Ja, ich musste am nächsten Tag zum Rektor ins Lehrerzimmer kommen. - Er befragte mich sehr streng, warum ich den Unsinn bei ihr immer machte. Nun, ich sagte, warum ich das tat. - Selbst meine Eltern regten sich schon auf, was man immer alles dahin zum Kochen mitbringen müsste. Wenn man das wenigstens selbst essen dürfte! - Der Rektor zeigte Verständnis für mich, bekniete mich allerdings, mit ihr auszukommen. -
Ich erreichte, dass wir von nun an das Selbstgekochte auch selber essen durften!!! - Es kam noch ein paarmal zu Konflikten mit der blöden Lehrerin, wie, als ich mit einigen anderen Schülerinnen Rum aus dem Vorratsschrank trank, den wir für das Weihnachtsgebäck dort stehen hatten. Die Fahne verriet uns!


Einmal wollte ich nicht vorbeten, hatte mir schon heimlich den Mund vollgestopft.
Die Lehrerin suchte sich vor dem Essen immer einen Platz aus, an dem sie essen wollte. Wir kochten ja immer zu vier Mädchen. Ausgerechnet, als ich meinen Mund voll hatte, setzte sie sich genau mir gegenüber und verlangte von mir, dass ich vorbeten sollte. Sie schaute mich unentwegt an.

Meine Schulkameradinnen grinsten und ärgerten mich heimlich. - In dem Augenblick konnte ich das Lachen nicht mehr aufhalten und mein Mundinhalt ergoss sich richtig mit Schwung im Gesicht der Lehrerin! - Meine Güte, den Anblick habe ich nicht mehr vergessen! - Das hätte nur Spinat sein müssen! Das wäre die Krönung gewesen!

Dafür hatte die komische Frau aber bei der Handarbeit an mir Freude und nie einen Grund zur Beantstandung. - Auch das hatte ich jahrelang von meiner Schwester gelernt, die zwei verkehrte Hände für Handarbeiten aufzeigte. Meine Mutter vollendete meistens die Werke meiner Schwester und erklärte und erklärte. Ja, bei mir blieb das schon früh hängen. - Ich profitierte dadurch!

Als es dann ans letzte Schuljahr ging, wurden wir ja schon in der Schule quasi vermittelt. - Ich landete bei einer Krankenversicherung, was mir sehr viel Freude bereitete! - Das Thema war ja die Schulzeit! - Dann folgten noch drei Jahre Berufsschule, 2 x die Woche. Nach der Schule mussten wir wieder in die Firma! -

Es wäre vielleicht noch wichtig, zu erwähnen, dass Mädchen nicht in "Raumlehre" unterrichtet wurden. Das war den Jungen vorbehalten. Mädchen wurden auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereitet. - Im Geschichtsunterricht wurden die beiden Weltkriege nicht erwähnt und kein Wort über die Juden. Dafür lernten wir vom französichem Absolutismus, von Karl dem Grossen und sonstiger uralten Geschichte. Nichts aus der Neuzeit! - Das war TABU!


 


 

 

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